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STAY!
erhält
den
Düsseldorfer
Friedenspreis
Am
01. September 2009 wurde die Düsseldorfer Flüchtlingsinitiative STAY!
e.V. mit dem Friedenspreis der Düsseldorfer Friedensbewegungen
ausgezeichnet. Da die Initiative, nach Angaben der Preisverleiher, zum
sozialen Frieden und Gerechtigkeit in der Stadt beitrage und hinschaue,
wo andere weggucken, handele wo andere zögern, habe sie diese Preis
redlich verdient. Bei der Verleihung im Düsseldorfer Maxhaus sprach
Dominikanerpater Wolfang Sieffert die Laudation und lobte das
Engagement der zahlreichen MitarbeiterInnen der Initiative. Lesen Sie
Auszüge aus seiner Rede:
"Liebe
Mitwirkende bei STAY!, Bert Brecht
schrieb: „Die
im Dunkeln sieht man nicht.“ Sie treten ein und kümmern sich um
Menschen, die
unsichtbar sind, die unsichtbar bleiben müssen, weil sie sich sonst
gefährden. In
Deutschland sind es schätzungsweise eine bis anderthalb Millionen
Personen, die
den Aufenthaltsstatus „unsichtbar“ haben. Für Sie sind sie vor allem
eines: Menschen.
Für sie sind Sie da.
In
welchem Land findet das statt, zu
welcher
Gesellschaft gehört Ihr Einsatz?
Als
ich 1990 im Kino in Peter Weir´s Film
„Green Card“
(mit Andie MacDowell und Gérard Depardieu) gesehen habe, mit welcher
Vehemenz
in den USA illegal sich Aufhaltende verfolgt werden, da dachte ich:
„Das wäre
bei uns nicht möglich.“, und war stolz, Deutscher zu sein. Nur drei
Jahre
später war ich Seelsorger in einer für unser Land neuen Institution,
einer
Abschiebehaftanstalt. Und wir alle konnten hören und lesen von den
detektivischen Mühen und dem Personaleinsatz, die für das Aufdecken von
Scheinehen
hier bei uns eingesetzt werden.
Natürlich: wir im Mainstream sind alle
keine
Rassisten, erst recht keine Neo-Nazis. Hier ist „in“ und gehört zum
Design fast
jeder Person, vor allem der Erfolgreichen, eine antirassistische
Einstellung vorzuweisen.
Es ist aber dafür nicht nötig, wirklich hinzusehen. Und schon gar nicht
gehört
es zum Persönlichkeitsdesign, sich in Ausländerzentren zu setzen, im
Kulturverein mit türkischen Männern Tee zu trinken, mit Marokkanern bei
einer
Shisha eine Partie Schechmesch zu spielen oder mit Afrikarinnen zu
tanzen. Und
wer, außer manchen Erzieherinnen und Lehrerinnen, die meine größte
Hochachtung
haben, macht sich Gedanken darüber, wie wir in Kontakt kommen können
mit
muslimischen Frauen, die außer beim Einkaufen oder bei der Kinderärztin
nicht
auftauchen?
Ich
frage noch weiter: wie und wo setzt sich unsere Gesellschaft
damit auseinander, wie wir mit Menschen aus anderen Ländern und
Kulturen umgehen?
Es geht nicht nur um geklopfte Sprüche wie „Das Boot ist voll.“ oder
„Ausländer
nehmen uns die Arbeitsplätze weg.“ Der Diskurs über Ausgrenzungen,
Xenophobie
und alles, was dahinter steckt, wird längst nicht zureichend geführt.
Es geht nicht
nur um unterschwellige Ausländerfeindlichkeit in der
Kriminalitätsberichterstattung
und nicht nur um Politiker, die das Wort Rassismus kaum über die Lippen
bekommen.
Es geht auch um sich manchmal sehr
wissenschaftlich
gebärdende Scheingefechte, Diskussionen um „Leitkultur“ oder um
„Multikulturelle
Gesellschaft“ und ob es letztere nun gibt oder ob sie gescheitert sei.
Solche
Auseinandersetzungen dienen, sofern sie nicht in die Tiefe gehen, auch
dem
Nichthinsehen – und erzeugen vor allem eins: sie machen müde und aller
Auseinandersetzung
überdrüssig. Vor allem muss gesehen werden, was wirklich los ist. Das
geschieht
viel zu wenig.
Dagegen steht STAY! Hier
wird etwas getan, und indem es geschieht, zieht es durch die
einzelnen, die es tun, Kreise im persönlichen und sozialen Umfeld und
bis in die
Medien. So bescheiden diese Mittel sind, STAY! setzt etwas gegen
Unsichtbarkeit, Wegsehen und die Kultur bloßer nichtsnutziger Worte.
Wir
leben in einer
Gesellschaft, die durch die tägliche Informationsflut verroht und
abgestumpft ist.
Eine Sensation jagt die nächste und es bleibt keine Zeit, richtig zu
begreifen,
geschweige denn, zu verarbeiten. Die Konsequenz ist Gleichgültigkeit
und eine Immunisierung
gegenüber Langzeit-Problemen und latent schleichenden Gefahren. „Es
ändert sich
sowieso nie was. So schlimm ist es nicht. Ich selbst kann schon gar
nichts
dagegen tun!“
So hart es klingt, beim
Thema Fremdenfeindlichkeit und Rassismus ist die Allgemeinheit in
unserem Land nur
schwer zu sensibilisieren und kaum noch zu mobilisieren. Solange nicht
eine
Katastrophe großen Ausmaßes geschieht, halten sich die Menschen die
Ohren fast
zu. Das Thema ist „out“. Die Leute sind übersättigt. Sie haben die
Schnauze
voll. Und wenn sie dann noch sehen, wie Prominente ihre fast schon
mantrahaft
vorgetragenen Bekenntnisse zu Demokratie und Integration aufsagen,
schalten sie
komplett ab. Viele gut gemeinte Aktionen erreichen so fast einen
Gegeneffekt.
Dadurch
war es möglich,
dass wir in den letzten knapp zwanzig Jahren neben vielen schönen
Worten im
Bereich der ausländerrechtlichen Bestimmungen eine Verschärfung
ungeheuren
Ausmaßes erlebt haben. Wer Recht und Würde des Einzelnen nicht hoch
hält und
auch in der juristischen und administrativen Praxis – also in echt! –
Wert
schätzt, zieht nach und nach unserer Gesellschaft den Boden unter den
Füßen
weg, auf dem sie aufgebaut ist. Uns ist klar, dass Sklavenhaltung einer
freiheitlichen,
auf Menschenrechten basierenden Ordnung Hohn sprechen würde; genauso
klar ist zumindest bei uns, dass sich dort, wo Frauen elementare Rechte
vorenthalten werden, eine auf der Menschenwürde aufbauende Kultur in
Luft
auflösen muss. Unklar dagegen ist in unserem politischen Miteinander,
wie
gefährlich für die verfassungsmäßigen Grundorientierungen nicht nur
unterschwelliger bis offener Rassismus und die Alltagsdiskriminierung
ausländischer
Menschen sind, sondern auch die legale Diskriminierung und
Kriminalisierung
einer großen Gruppe hier mit uns lebender Menschen.
Über
Zuwandernde wird gesprochen wie über potentielle
Terroristen. Seit 2001 sind im Gefolge des 9. Septembers sogar vermehrt
Zuwanderungen
zu vermelden, die nicht nur ich für wirklich gefährlich halte, sondern
viele im
alten und guten Sinne liberale Menschen und Verfassungsrechtler. Es
handelt
sich um die Zuwanderung der Sicherheitsparagraphen! Bemühungen um
Integrationsstrukturen haben sich in ein Ringen um
Sicherheitsparagraphen, um
Abschottung, Ausweisung, Abschiebung und Kriminalisierung verkehrt.
Durch
eine
Reihe
verschiedener
Gesetze
hat
sich nicht
nur unsere Kultur in Geist und Atmosphäre verändert, sondern auch die
faktischen Möglichkeiten, hier legal zu leben. Schengen hat mit seinen
Verträgen Deutschland und Europa zu einer Festung gemacht, die Grenzen
sind für
Flüchtlinge dicht. Asyl wurde in dem Land, das einst Nazis
beherrschten, ein
papierenes Etwas, dem fast jede Wirklichkeit fehlt. In unser Land kommt
jedenfalls so gut wie keine Person mehr hinein, die politischer,
rassischer
oder geschlechtlicher Verfolgung ausgesetzt war. Das verändert eine
Gesellschaft
und höhlt ihre Werte aus.(...)
Es ist auch
unser Land,
aus dem der hier geborene Jugendliche abgeschoben wird, dessen Vater
seine
Aufenthaltserlaubnis wegen Fahrens ohne Führerschein verwirkte. Es ist
dieses
Land, in dem immer noch völlig unklar ist, was nach Auslaufen der
Altfallregelung mit ganzen Familien geschieht, die die engen Kriterien
für
einen Daueraufenthalt nicht erfüllen und in dem unsäglichen Status der
Kettenduldungen
gehalten werden.
Vieles
muss sich ändern. Verbesserungen geschehen
nicht von allein, sie setzen Menschen voraus, die sich einmischen und
beteiligen. Sie setzen voraus, dass Beteiligung ermöglicht und
erwünscht ist. Eine
„civil society“ entsteht nicht von allein. Eine Zivilgesellschaft
entsteht,
wenn die Zivilcourage vieler gebündelt wird. Auch deswegen wird heute
STAY!
geehrt, weil es zu wenig Zivilcourage gibt.(...)
STAY!
ist für mich
beispielhaft. Wenn wir die Fundamente unserer Gesellschaft stützen
wollen:
Menschenwürde, Menschenrecht, gegenseitige Achtung und Respekt, dann
braucht es
den bürgerlichen Mut und den Einsatz, den Sie bei STAY! zeigen. Sie,
die Sie STAY!
tragen, leisten vorbildlichen Einsatz, denn Sie tun etwas.
Worte
reichen nicht. Es
reicht ja nicht, zu sagen: Ich habe nichts gegen Ausländer. Dieser Satz
wird
mir langsam zum meist gehassten. Wenn wir unsere freiheitlichen Werte
ernst
nehmen und sie nicht langsam aber sicher im Sand verlaufen lassen
wollen, dann
muss es mit STAY! heißen: Ich bin dafür! Ich setze mich für alle
Menschen ein,
die hier leben.
STAY!
erhält heute den
Düsseldorfer Friedenspreis. Ich hoffe, dass das für alle, die bei STAY!
mitmachen eine Ermutigung ist und dass der Friedenspreis hilft, STAY!
die
verdiente öffentliche Anerkennung zu verschaffen. Ich gratuliere STAY! zum
Düsseldorfer Friedenspreis – und ich gratuliere Düsseldorf zu STAY!"
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