Grenz(en)erfahrung – Bericht einer Hilfskonvoifahrt

Gestern sind wir von unserem Einsatz aus Slavonski Brod in Kroatien zurück gekehrt. Wir sind alle noch damit beschäftigt zu begreifen, was dort passiert. Es gibt sehr viele Ebenen der Gefühle und Gedanken, die in dieser Woche geprägt und aufgerissen wurden. Wir haben viel gelernt über unsere Zeit und über Europa. Viel über Menschen und Menschsein. Eindrücke des Hilfskonvois an die bosnisch-kroatische Grenze von Felix, David und Conrad, Medizinstudenten und Aktivisten der Medinetze Düsseldorf und Gießen:

An dem alten Industriebahnhof werden Menschen wie Material verladen. Sie werden von Polizist*innen in Kleingruppen in abgezäunte Sektoren gebracht, wo sie in großen, beheizten Zelten auf Feldbetten oder hölzernen Hochbetten Platz finden, um sich zu setzen, zu ruhen und vielleicht auch einmal zu schlafen. Nach einigen Stunden kommt die Polizei wieder und führt die Menschen in die einzelnen Waggons um sie weiter nach Slowenien zu transportieren. An keiner Stelle dieses Ablaufs haben die vielen Kinder, Frauen und Männer, Familien und Freunde die Möglichkeit Einfluss auf ihre Lage zu nehmen. Sie sind eingesperrt und wissen nicht wo sie sind und wo sie hingebracht werden. Sie können nicht sagen, sie möchten erst einmal schlafen oder sich waschen, neue Kleidung kaufen oder eine Zahnbürste oder vielleicht entscheiden in welches Land sie weiterreisen wollen. Sie werden nicht gefragt und die Polizei macht zu allen Zeiten klar, dass freie Entscheidungen freier Menschen nur außerhalb des Lagerzauns existieren.

In den Sektoren waren wir mit „Magna – Children at Risk“ die einzigen Mediziner*innen, die ansprechbar waren und in den Zelten gefragt haben, ob es den Kindern gut geht und ob es sonst medizinische Probleme gibt. Die gespendeten und von Geldspenden gekauften Medikamente, Salben und Verbände haben wir gut gebrauchen können.

Die Reise durch das winterliche Europa ist kräftezehrend und gefährlich. Wir hätten wohl alle, die dort waren, behandeln können, wenn wir die Zeit oder die Leute gehabt hätten. So haben wir uns zu erst auf die unter diesen Umständen wohl gefährdetste Gruppe der Säuglinge, Kleinkinder und Kinder konzentriert.

 

Nähe und Zuneigung war es was wir mitnahmen in die Zelte und mit noch mehr davon kamen wir wieder heraus.

Wir begegneten Menschen, die gezwungen werden dreckig, frierend und hungrig aus einer zerstörten und aufgegebenen Vergangenheit in eine ungewisse Zukunft zu ziehen. Durch den kalten Nebel im europäischen Winter. Weiterlaufend, mit dem uns unvorstellbar schweren Gepäck ermordeter Kinder und Eltern auf ihren Schultern. Ermordet in den Kriegen dieser Zeit und den Ungerechtigkeiten, die uns auch hier umgeben. Ermordet von den Gesetzen der Europäischen Union, die die Grenzen blockiert und die Schlepper, deren Geschäft sie erst erschaffen hat, als Schuldige bezeichnet und bekämpft. Was wir in den Geschichten und Gesichtern in Slavonski Brod gehört und gesehen haben, waren die Verbrechen der europäischen Regierungen. Verbrechen gegen eine Menschlichkeit, die von tausenden Freiwilligen aufrecht erhalten wird.

Warum dürfen Menschen nicht in ein Flugzeug steigen oder in ein Auto und sich frei bewegen?

Warum müssen Freunde von uns in der Türkei auf ein Schlauchboot steigen und den Schmuggler beim Abstoßen auf das raue Meer sagen hören: „Seid Gott überlassen“?

Wie viele Mütter und Väter werden noch ihre Kinder auf griechischen Inseln zurücklassen müssen und dann in Kroatien in der stickigen Luft eines überfüllten Zuges zusammenbrechen?

Und warum?

 

Schlechte Gefühle bleiben zurück und werden stärker seit wir wieder in Deutschland sind. Wir waren eine Woche lang Teil des brutalen europäischen Aufnahmerituals, das allen bevorsteht, die nicht das Glück haben in Sicherheit leben zu dürfen.

Wir hoffen aber, dass die Menschen, mit denen wir gesprochen haben, deren Füße wir verbunden haben, deren beschämende Lage wir lindern wollten, deren Menschenwürde wir Ernst nehmen, wir hoffen, dass sie uns nicht als Teil dieses Europas wahr nehmen. Wir hoffen, dass sie uns als das sehen, was wir sind und was sie sind: Menschen. Freunde und Brüder und Schwestern.

Wir werden sie, egal wo sie hingehen, nicht vergessen. Wir werden nicht vergessen, was wir dort zusammen erlebt haben.